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Thema Wohngemeinschaften Lass uns ein Nest bauen: Wie passt das gemeinsame Eigenheim in das Lebensbild von heute?

Text von Lukas Kubina,
Bild von Soroush Karimi

Lass uns ein Nest bauen

Warum die Panik?

Wer sich im Netz umschaut, gewinnt den Eindruck, viele junge Paare haben große Angst davor, sich ein gemeinsames Nest zu bauen oder sollten präventiv davor gewarnt werden. Sucht man nach entsprechenden Begriffen, prasseln praktisch gemeinte Checklisten und Faustregeln wie ein biblisches Unwetter über einen herein: Es sollte eine bewusste Entscheidung sein und nicht aus einer spontanen Gelegenheit heraus geschehen. Man sollte das Zusammenleben besser schon mal in simulierten Situationen wie einem langen gemeinsamen Urlaub proben. Findet einen gemeinsamen Ort und beginnt gemeinsam neu, anstatt plötzlich das Territorium des Einen zu teilen. Achtet darauf, dass genug Platz ist, so dass jeder seinen Rückzugsort hat. Führt das eigene Leben weiter und schafft besondere Momente, die aus den gemütlichen Netflix Abenden ausbrechen. Akzeptiert die Marotten des anderen und definiert eine Haushaltsordnung, die für beide funktioniert. Und so weiter. Auf die alarmierenden Warnungen, wie die Bedrohung des Sexuallebens, die einem die Suchmaschine ausspuckt, soll hier erst gar nicht weiter eingegangen werden.

Vor- und Nachteile

Mit dem Partner oder der Partnerin zusammenzuziehen, kann natürlich ein großer Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden sein. Wer sich ein Badezimmer und Rechnungen teilt, lernt ganz automatisch eine andere, nicht gerade romantische Seite der Beziehung kennen. Eine gemeinsame Wohnung bringt gewöhnlich gemeinsame Schmutzwäsche, Geschirrabwasch und Streit um die falsch ausgedrückte Blend-A-Med mit sich. Auf der anderen Seite kann der Rückgang individueller Privatsphäre auch eine tiefere Verbundenheit auslösen und bietet die Chance für eine gemeinsame Entwicklung ohne Freiheiten zu beschneiden. Ganz zu schweigen von den praktischen Vorteilen, wie dass nun beide ihren Kleiderschrank für den Termin am nächsten Morgen parat haben.

Zusammenziehen ersetzt Heiraten?

Im klassisch konservativen Liebeslebenslauf stand Zusammenziehen früher irgendwo vor Heirat und Kindern. In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil verheirateter Paare genauso rückläufig wie die Geburtenrate. Selbstverwirklichung, Freiheit und neue Lebensmodelle sind die Stichworte. Hinzu kommt eine andere Statistik, die eine entscheidende Rolle spielt; die Mietpreisentwicklung. Zählt man das zusammen, gelangt man zu der Frage, ob Zusammenziehen in seiner Bedeutung inzwischen das Heiraten ersetzt hat? Der Therapeut Oskar Holzberg bestätigt dies: „Es ist mittlerweile ein der Heirat ähnlicher Schritt. Man braucht heutzutage keinen Trauschein mehr, um sich als Paar zu sagen, dass man es ernst meint. Wenn ich mit dir zusammenziehe, gebe ich einen Teil meiner Eigenständigkeit und Unabhängigkeit auf.“  Und in überhitzten Mietmärkten wie München oder Berlin sollte es, überspitzt gesagt, schon im Mietvertrag heißen: Willst du mit diesem Menschen, in guten wie in schlechten Tagen, zusammenwohnen bis dass der Tod euch scheidet? Trotz dieser schicksalshaften Tragweite ziehen junge Paare überstürzt zusammen, nur weil sich, wie durch ein Wunder, eine seltene Gelegenheit auftut.

Lara und Dan aus München ist es so ergangen. Dan ist wegen der Schwangerschaft seiner ehemaligen Mitbewohnerin aus seiner WG komplimentiert worden. Nach einigen Monaten im schuhschachtelgroßen WG-Zimmer seiner Freundin Lara und im Kinderzimmer seiner Eltern, die er äußerst undankbar mit blindem Zorn strafte, fand er eine 100 qm Wohnung zu einem fairen Preis. Eine Sensation, die mit der folgenschweren Frage verknüpft war, ob er eine neue WG gründen oder die Freundin dazu bewegen sollte, zusammenzuziehen? Es musste schnell gehen. Trotz Zweifeln entschlossen sich Lara und Dan für den gemeinsamen Haushalt. Fünf Jahre hielt die Beziehung in glücklichen vier Wänden, als die Trennung unvermeidlich wurde. Bis Dan dann eine neue Bleibe fand, waren die zwei Unglücksraben, die nichts mehr gebraucht hätten als ein wenig Abstand, weiter aneinander gekettet. Eine bessere Karte haben David und Elena in Berlin gezogen. In der glücklichen Situation, alte Mietverträge aus den 90er Jahren zu haben, hielten beide an ihren Wohnungen in Mitte fest und verwandelten die eine in ihr Gemeinschaftsbüro und bauten sich in der anderen ihr eigenes Nest. Das geht nun schon seit sechs Jahren gut.

Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

Zum Schluss einige ermutigende Worte: Natürlich sollte jeder, der zusammenzieht, sich das gut überlegen. Wer es mit der Beziehung ernst meint, sollte sie aber ruhig und gelassen auf diesen Prüfstein und auf das nächste Level stellen. Man sollte nicht zögern, sondern nach Gelegenheiten greifen, statt auf den perfekten Moment zu warten. Diesen Augenblick gibt es nämlich nicht – besonders, wenn man die idealisierten Checklisten mit der Realität vergleicht und gezwungen ist, den Wohnungsmarkt zu berücksichtigen. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Hier sind sich selbst Lara, Elena, Dan und David einig.

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