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Leben in der Antarktis

Die Antarktis galt lange als der letzte unbekannte Flecken der Erde und war Ziel grosser Expeditionen. Der argentinische Architekt Maximo Triolo lebte und arbeitet dort 2018 für ein halbes Jahr auf der Forschungsstation Princess Elisabeth. Ein Interview über neue Freunde, Gletscherspalten und nachhaltige Architektur.

 

Leben in der Antarktis

Mit dem letzten Artikel der Serie “Anders Wohnen” erreichen wir einen absoluten Tiefpunkt auf dem Thermometer. Die Antarktis galt lange als der letzte unbekannte Flecken der Erde und war Ziel grosser Expeditionen. “Wild wie kein anderes Land unserer Erde liegt es da, ungesehen und unbetreten,” sagte der norwegische Polarforscher Roald Amundsen noch 1911. Heute ist der Gegenpol der Arktis das größte Naturschutzgebiet des Planeten. Der argentinische Architekt Maximo Triolo lebte und arbeitet dort 2018 für ein halbes Jahr auf der Forschungsstation Princess Elisabeth. Ein Interview über neue Freunde, Gletscherspalten und nachhaltige Architektur.

Wie kam Dir es Dir überhaupt in den Sinn, in der Antarktis zu arbeiten?

Ich war schon immer offen dafür, ausserhalb meiner Stadt, meines Land zu arbeiten. Es zieht mich einfach an, aus meinem gewohnten Umfeld auszubrechen und in Kontakt mit der Natur zu sein, neue Horizonte, Kulturen und Freunde kennenzulernen. Aber die Idee, in der Antarktis zu arbeiten, hatte ich nicht selbst. Eine Bekannte kennt die Direktoren der Polar Foundation, welche die belgische Forschungsstation “Prinzessin Elizabeth” leiten. Sie hat mir gesteckt, dass sie einen Architekten aus Lateinamerika suchen und meinte, dass ich das Zeug dazu habe, mich an die extremen Bedingungen zu gewöhnen. Geschmeichelt und blauäugig habe ich meinen Lebenslauf eingereicht und mich für das Jobinterview vorbereitet. Als sie mir mitteilten, dass ich ausgewählt wurde, konnte ich es nicht recht glauben, bis ich meine Reisetickets erhielt.

Wie war der Arbeitsalltag auf der Station?

Nach einem gemeinsamen Frühstück, begann der Arbeitstag um 8 Uhr in der Früh. Mittags dann eine Stunde Mittagspause. Dann arbeiteten wir bis 20 Uhr, manchmal bis zum gemeinsamen Abendessen um 21 Uhr. Danach blieb ein bisschen Freizeit, um sich zu baden, zu lesen oder einen Film zu schauen, bevor man völlig erledigt ins Bett fiel. Die Arbeit war ziemlich herausfordernd. Die Kosten, jemanden dorthin zu schicken sind sehr hoch, also ist die Mannschaft ziemlich klein und gut beschäftigt.

Jeder ist neben seinen Kernaufgaben mit einer Menge Dingen wie dem Erhalt, Betrieb und Ausbau der Station beschäftigt. Meine Aufgabe war es, Pläne von dem Teil der Station anzufertigen, der bereits gebaut war und weitere Pläne zu entwerfen, wie man die Station weiter ausbauen kann. Einen Teil des Tages war ich auch eingeteilt, selbst Hand anzulegen. Körperliche Arbeit, die bei schlechtem Wetter und starkem Wind sehr hart werden konnte. Ausserdem gab es rotierende Dienste, die jeder Mal erledigen musste: die Dächer von Schnee und Eis befreien, Putzen, in der Küche helfen und den Müll zu den Containern bringen, damit er zum Kontinent gebracht wird.

Und das soziale Leben?

Für mich war und ist es ein Traum geblieben, dort zu leben. Klar, die Eingewöhnung ist schwierig und die Arbeit sehr anstrengend, der Körper muss sich in den ersten Wochen an die niedrigen Temperaturen, an die ständige körperliche Arbeit, an die 24 Stunden Sonneneinstrahlung genauso anpassen, wie der Kopf, der sich mit der neuen Umgebung, den Kollegen (Familie), den Sprachbarrieren und der Station (Heimat) vertraut machen muss. Zwei Monate im Zelt zu schlafen, war ein einzigartiges Erlebnis.

Es gab Routinen und Protokolle, die uns in den ersten Tagen in der Basis erklärt wurden, wo sie uns auch Erste Hilfe, Rettung, die grundlegende Ski-Doo-Mechanik usw. beibrachten. Übrigens gab es nur ein Notebook mit Internetzugang, das man mit 30 Leuten teilen musste.

Am Samstagabend änderte sich die Energie ein wenig und die Atmosphäre war entspannter. Das Abendessen wurde verlängert, einige zusätzliche Biere wurden aufgemacht und das Team und die Wissenschaftler versammelten sich, um Tischtennis und Kicker zu spielen und Musik zu machen. Der Sonntag war der Ruhetag, und wir konnten uns ein Stück von der Station entfernen und die Umgebung kennenlernen, Bergsteigen, Wandern, Eiswandern, immer begleitet von den Bergführern des Teams. Zwei- bis dreimal pro Woche stellte ein Wissenschaftler nachts Bilder seiner Forschungsarbeiten in der Antarktis vor.

 

Ausserdem haben wir Weihnachten und Neujahr gefeiert, das waren die einzigen Partys. Das Gemeinschaftsgefühl war trotz der Sprachbarrieren sehr gut. Im Allgemeinen sprach die Gruppe Französisch oder Flämisch, beides spreche ich nicht, aber die Kollegen nahmen sich immer die Zeit und ich konnte mit jedem Englisch sprechen. Die Teamarbeit unter isolierten Bedingungen hat sehr schnell ein Vertrauen geschaffen und ich kann sagen, dass ich seitdem einige ganz besondere Freunde habe, darunter Wissenschaftler, Bergführer und Hochgebirgsärzte, Kletterer, Baumeister, Mechaniker und einen Küchenchef. Ich habe viele Dinge von und mit ihnen gelernt und es war sehr inspirierend, um einige Veränderungen in meinem Leben vorzunehmen.

Hast du etwas vermisst?

Die Wärme meiner Freundin.

Was für Dinge nimmt man eigentlich mit in die Antarktis?

Eine sorgfältige Auswahl an Büchern, um gute Laune zu bewahren. Die notwendige Kleidung und Ausrüstung. Das Telefon mit etwas Musik, die Kamera, den Computer, um die Arbeit zu erledigen, ein paar Notizbücher und Bleistifte zum Zeichnen. Und ein paar gute Flaschen Whiskey.

Was war das Beeindruckendste dort?

In dem Bereich der Antarktis, in dem ich gelandet bin, befand sich unter unseren Füssen eine zwei Kilometer dicke Eisschicht. In einigen Gegenden gab es spektakuläre Eisspalten. Gemeinsam mit den Bergführern haben wir uns mit Gurten abgeseilt, um zu lernen, wie wir einen Kollegen retten könnte, falls er verunglückt und abstürzt. Das war wirklich das Beeindruckendste, was ich in der Antarktis erlebt habe.

Die Station selbst war auch sehr beeindruckend. Sie funktionierte nur auf Basis erneuerbarer Sonnen- und Windenergie, ohne Emissionen oder Umweltverschmutzung zu verursachen. Das Wasser, das wir zum Baden oder Waschen verwendeten, war Schneeschmelze, Reinigungsmittel und verwendetes Shampoo waren biologisch abbaubar, der Abfall kehrte auf den Kontinent zurück. Die 80 cm dicken Wände mit Wärmedämmung machten das Heizen überflüssig, die Wärme der Menschen im Inneren reichte aus, um eine angenehme Temperatur zu erhalten. Ein Beispiel für ein nachhaltiges Leben abseits der Zivilisation und unter solch widrigen Bedingungen, dass mir gezeigt hat, dass andere Arten der Bewohnbarkeit des Planeten möglich sind.

Was hättest Du am Ende am liebsten mit zurück nach Buenos Aires genommen?

Ich hätte gerne einige dieser besonderen Sonnenuntergänge mitgenommen, die violetten und roten Töne, die Reflexionen der Sonne in den Wolken, das tiefe Blau des Eises. Die Stille. Die reine Luft. Der Vollmond am Horizont. Die weißen Tage, an denen die Grenze zwischen Himmel und Eis verschwamm. Was ich mitnehmen konnte, sind die Erfahrungen, die neuen Freunde, der Wunsch, neue Dinge zu tun, die Idee, dass einige Träume, die weit weg zu sein scheinen, mit viel Mühe und Engagement wahr werden können.

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